Sigi Bergmann (1938 - 2022), hier in einem interview mit der Wiener Zeitung Sigi Bergmann (1938 - 2022), hier in einem interview mit der Wiener Zeitung Peter Jungwirth
08 Mär
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Ein Großer ist nicht mehr

Sigi Bergmann, prägende Persönlichkeit des ORF-Sports mit Faible für Kultur, ist 84jährig in Klagenfurt gestorben.


„In Sydney hat mich einmal der Sportchef der ARD angesprochen: "Herr Kollege, ich habe Sie gestern in der Oper gesehen. Wie können Sie das mit diesem brutalen Sport verbinden?" Daraufhin habe ihn daran erinnert, welche Oper wir gesehen haben: es war ,Tosca‘. Da bringt sich ein politischer Flüchtling um; weiters wird der Hauptdarsteller, der Maler Cavaradossi, gemartert und schließlich erschossen. Und die Tosca ersticht den Polizeichef und springt zum Schluss von der Engelsburg. Nach dieser Oper, habe ich zu dem Kollegen gesagt, hatte ich Angstträume in der Nacht und bin am nächsten Tag mit Freude zu meinem friedlichen Boxturnier gegangen. Opern sind oft brutaler als Boxen."
Sagte Sagte Sigi Bergmann 2014 in einem Interview mit Gerald Schmickl und Peter Jungwirth in der Wiener Zeitung. Irgendwie bezeichnenderweise war das knapp vor den Olympischen Winterspielen im russischen Sotchi, aber das ist eine andere Geschichte. Um was es hier geht, ist die Dichotomie, wie einer Oper und Boxen gleichzeitig lieben kann. Es gab noch einen Sportreporter, Günter Polanec, er ist letztes Jahr im Spätsommer verstorben, der ebenfalls musische Neigungen hatte und, wenn er die Oper besuchte und erkannt wurde, getuschelt zu hören bekam: „Was macht der Sporttrottel da?" Aber Polanec war kein Boxexperte, sondern fachlich beim Skifahren und Fussball zuhause. Der angebliche Brutalo-Sport Boxen - der gehörte, wirklich einem Monopol ähnlich, Sigi Bergmann. Er kommentierte 4000 Kämpfe, mehr als jeder andere Reporter im deutschen Sprachraum. Zuletzt tat er das noch bei den Olympischen Spielen in Rio.
Er hatte ein Nahverhältnis zu manchen Boxern - bei Weltmeister Muhammad Ali, eine Legende zu Lebzeiten, halt so nahe wie das ein Reporter aus dem kleinen Austria nur herstellen kam: Immerhin hat er Ali mehrere Male interviewt und brachte unter anderem einmal eine Einlage nach Hause, in der der Champion der Welt offenbarte, dass er, wäre er nicht der größte Boxer aller Zeiten geworden, der größte Pianist geworden wäre. Und natürlich brachte er Hans Orsolics´ „Potschertes Leben wieder auf Schiene. Über sein Helden-Epos auf Toni Sailer wollen wir an dieser Stelle diskret hinwegsehen.
Bergmann prägte auch den „Sport am Montag", den er von 1975 bis 1992 moderierte. Gewiss war ihm dabei Pathos ebenso wenig fremd wie als Kommentator, wo er sich zudem auch einer, sagen wir, originellen Metaphorik insbesondere über Sekundenbruchteile bediente. Dafür wurde er auch vom Kabarettisten Mini Bydlinski auf einer CD über die Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer „liebevoll" verarscht. Die Ironie der Geschichte ist, dass vier Jahre zuvor Bydlinski und seine „Hektiker" durch eine Parodie auf den Fußballer Toni Polster bei „Sport am Montag" weltberühmt in Österreich geworden waren: „Ja, das stiiiimmmt..." Bergmann konnte indessen immer ganz gut über sich selbst lachen - dazu passte, dass seine späten Olympia-Kommentare oft eine leichte Schlagseite Richtung vorsätzlicher Selbst-Persiflage hatten.
Vielfach ausgezeichnet, ist Sigi Bergmann, 1938 in Vorau in der Steiermark geboren, in der Nacht auf heute, Dienstag, in Klagenfurt gestorben.


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