Harmonische Zweierbeziehung: Als eingespieltes Team vermitteln Eva Linsinger und Christian Rainer im profil-Podcast einen familiären Eindruck Harmonische Zweierbeziehung: Als eingespieltes Team vermitteln Eva Linsinger und Christian Rainer im profil-Podcast einen familiären Eindruck profil, Styria, Kurier
21 Jun
geschrieben von 

Eine Sonntagsgeschichte

Auch wenn das Wetter real grausig ist - hier ist eine Schönwettergeschichte: Das teilweise recht reichhaltige Podcast-Angebot der österreichischen Zeitungen und Magazine.

Im Prinzip gibt es Podcasts ja schon sehr lange. Der Begriff ist 2004 kreiert worden. Der erste Teil des Terminus ist vom iPod abgeleitet, Apples schon fast vergessenem digitalen Audioplayer von dazumal; der zweite bedient sich beim Begriff „broadcast“, der im Englischen für Rundfunk steht. Noch etwas länger als das Wort „Podcast“ per se gibt es die Sache, die es bezeichnet: Salopp gesagt handelt es sich dabei um Blogs im Audioformat - man nannte sie denn auch ursprünglich „Audioblogs“. Die sind schon um die Milleniumswende aufgekommen, haben damals furchtbar lang zum Öffnen gebraucht und oft wild geknarzt und geknistert. Apples iPod war das erste mobile Gerät, das gezielt auf die Wiedergabe des neuen Formats setzte. 

Die Geschichte des Podcasts war kein Durchmarsch: Nach dem ersten Hype stagnierten sie Ende der Nuller Jahre für eine geraume Weile. Bewegtbild war das Ding der Stunde, Audio schien niemanden mehr zu interessieren.
Um 2015 herum waren Podcasts auf einmal wieder stark da. Und diesmal schlugen sie Wurzeln im medialen Garten Eden. Lustigerweise eroberten sie dabei genau jenes Segment, das das wirtschaftliche Kalkül des digitalen Marktes eigentlich dem Hörbuch zugedacht hatte, von diesem aber nie so ganz flächendeckend besetzt werden konnte: Der Podcast ist zum beliebtesten Begleiter zu jeder Art von mobiler Tätigkeit geworden - ob diese nun per pedes, Auto, öffentlichem Transport, Rad oder auf dem Fitnessgerät stattfindet.

Für Medien eine Art Prestige-Projekt

Was genau diese Entwicklung befeuert hat, ist noch nicht lückenlos erforscht. Sicher ist jedenfalls soviel, dass der technische Fortschritt die Produktion vereinfacht hat und dass der Podcast-Trend von den USA ausgegangen ist, wo Krimi-Serien wie „Serial“ noch heute Millionen Hörer in Bann halten. Auf dieser Basis konnte der Podcast bald auch in Europa Fuß fassen.
In Österreich - und natürlich vorher schon in Deutschland - hat er vor allem jenen Bereich, der im Englischen als „Legacy Media“ und im Deutschen mit dem leicht altersmuffigen Begriff „herkömmliche Medien“ bezeichnet wird, infiltriert: Der hauseigene Podcast scheint eine Art Prestige-Projekt für Printtitel zu sein.
Seit plus/minus zwei Jahren ist es in Österreich für eine Zeitung oder Zeitschrift, die auf sich hält, obligatorisch, Podcasts zu produzieren. Ein paar Unternehmen verzichten darauf, darunter immerhin auch größere Bundesländerzeitungen wie die Tiroler Tageszeitung, die Oberösterreichischen Nachrichten und die Vorarlberger Nachrichten. Möglich, dass es für sie den Aufwand nicht lohnt. Bei den Boulevard-Titeln Oe24/Österreich und Heute wiederum passt ein Podcast wohl weder zur Blattlinie noch zur Leserstruktur. Für die aber, die mitmachen, sind Podcasts eine Gelegenheit, ihr Marken-Profil zu schärfen.

Ein Wesenszug von Zeitungs- und Zeitschriften-Podcasts ist ihr Werkstattcharakter: Sie kommen manchmal durchaus ein bisserl „uneben“ und verströmen oft, metaphorisch, familiäres Flair. Das liegt zum einen daran, dass der Podcast nicht den gleichen sprachlichen Schliff verlangt wie ein Radio- oder Print-Beitrag und daher gelegentliches Stottern und „ah“s hier keine Todsünden sind. Zum anderen ist es pragmatisch naheliegend, dass sich in Podcasts Kollegen eines Mediums gegenseitig interviewen. Auch wenn dabei, nüchtern betrachtet, kaum irgendwelche aufregenden Interna verraten werden, vermittelt das suggestiv ein Gefühl, ein wenig „hinter die Kulissen“ zu blicken. Im guten Fall können solche Gespräche das Angebot einer Zeitung oder Zeitschrift ergänzen. Mindestens aber können sie helfen, ein Medium besser verstehen zu lernen. Zu wissen oder wenigstens zu ahnen, wie die Leute dort ticken.

Die folgende Auflistung gibt einen - hoffentlich - repräsentativen Überblick über die Podcast Channels österreichischer Nachrichtenportale, erhebt aber selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und nicht vergessen: Der Podcast ist ein aktualitätsbezogen-wandelbares Informationsformat. Noch vor einem Monat dominierte das Virus die Podcast-Channels der Medien. Das ist jetzt deutlich anders: Die Presse hat ihr „Corona-Tagebuch“ geschlossen, die Kleine Zeitung seit 19. Mai keinen „Corona-Update“ mehr durchgeführt. Und der „Super Tuesday“, mit dem sich profil auf die US-Präsidentschaftswahlen einstimmt, ist - vorausgesetzt die Entscheidung findet plangemäß statt - nach dem 3. November obsolet.
Ein Wort noch zu ORF-Radio-Podcasts: Sie sind hier nicht einzeln berücksichtigt, da sie im Unterschied zu den Print-Medien keine eigens als Podcasts produzierten Inhalte anbieten, sondern Radio-Sendungen. Klugerweise hat man sich - auch bei musiklastigen Sendern wie Ö3 oder diversen Lokalsendern - auf die wortreicheren Programmteile kapriziert. Eine gleichermaßen übersichtliche wie vollständige Auflistung der ORF-Radio-Podcasts finden Sie hier: https://radiothek.orf.at/podcasts

 

Die Podcasts der Printmedien

profil

2018 hat profil.at einen Podcast-Channel implementiert. Sein wöchentliches Herzstück - mittwochs upgedatet - ist die Diskussion von Herausgeber Christian Rainer mit einer/m seiner leitenden Redakteur/innen - meist Innenpolitik-Chefin Eva Linsinger - um aktuelle politische Verwerfungen und Aufreger.
Jeden Dienstag spielt es den „Super Tuesday“, in dem die beiden Außenpolitik-Chefs Robert Treichler und Martin Staudinger die Entwicklungen zur Wahl des US-Präsidenten beobachten und zu evaluieren versuchen.
Auch ein regelmäßiger Gast ist Meinungsforscher Peter Hajek, der im Gespräch mit Philipp Dulle Umfrage-Trends analysiert und bewertet.
Seltener kommt eine neue Folge des profil-Podcast XL, der global spielt, den Fokus aber besonders auf arme und kriselnde Regionen in Afrika und Asien richtet und meist von Menschen mit unglaublich schicksalshafter Vergangenheit erzählt. https://www.profil.at/podcasts

Falter

„Falter-Radio“ nennt sich der Podcast des Falter, der vom ORF-Auslandkorrespondenten und Falter-Kolumnisten Raimund Löw präsentiert wird. Er agiert dabei in verschiedenster Funktion: Als Leiter von Diskussionen mit Experten um verschiedene drängende politische, wirtschaftliche, ökonomische oder humanitäre Themen, als Partner in Zweier-Gesprächen, oder als Anmoderator für Spezialprogramme: Florian Scheuba nimmt in seiner Satire-Reihe „FS fragt nach bei…“ prominente Gesprächspartner wie Alma Zadić, Daniel Kehlmann oder Michael Köhlmeier ins Gebet.
Stadt- und Kulturthemen erörtert Anna Goldenberg im „Falter Salon“. Und natürlich ist das starke Falterteam jederzeit in der Lage, mehrteilige Schwerpunkte ins Programm zu bringen, zuletzt „Das vergessene Konzentrationslager“ Gusen. Neue Podcasts produziert das „Falter-Radio“ fast täglich. https://www.falter.at/falter/radio

News

bringt ein wesentlich bescheideneres Podcastangebot, nämlich „Nachgefragt - der Frage- und Antwort-Podcast zu Corona und den Folgen für unseren Alltag“: Matthias Hofer befragt verschiedene Fachkräfte zu Phänomenen wie psychischen Folgeschäden der Krise, „Maßnahmen gegen die Lügen-Pandemie“ oder das potentiell Vernünftige an Panik. https://www.news.at/a/news-corona-podcast-11406112

Der Standard

Wie beim Internet überhaupt, ist Der Standard auch beim Podcast ein „early adopter“ und bringt ein gar nicht einmal ausufernd umfangreiches, aber schlüssig gegliedertes, übersichtliches Programm. Ob man den Serien-Podcast „Serienreif“ mit Doris Priesching unbedingt braucht, muss jeder User für sich entscheiden - glücklicherweise wird der Begriff „Serie“ hier recht großzügig ausgelegt und meint nicht immer nur die sattsam bekannten TV-Folge-Produktionen. Zum Beispiel erzählt Karl Markovics über den Film „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, in dem er André Hellers Vater spielt.
Aktuelles verhandelt Zsolt Wilhelm im „Thema des Tages“ im Gespräch mit berufenen Redaktions-Kollegen. Futuristisch gibt sich die „Edition Zukunft“ mit Olivera Stajić. https://www.derstandard.at/podcast

Die Presse

„1848“ nennt sich, Bezug nehmend auf das Geburtsjahr der Zeitung, der Podcast der Presse. Gestaltet und moderiert von Anna Wallner, ist er, von den Ende Mai ausgelaufenen „Corona Diaries“ einmal abgesehen, nicht thematisch untergliedert. Das heißt, es kommt hier genauso gut die US-Politik vor wie das Thema Home Office, die Wiener Künstlerin Pippa Galli oder Fußball - von dem Frau Wallner eingestandenermaßen nicht viel Ahnung hat. Die Beiträge sind sehr stimmig mit Liebe zum akustischen Detail (Hintergrundgeräusche, Zitate) gestaltet und erfreuen sich oft hochkompetenter Gesprächspartner wie dem Politologen Reinhard Henisch oder ARD-Korrespondent Christian Stichler. https://www.diepresse.com/meinung/podcast

Kleine Zeitung

adcc4799a881efa8477f.png

Wenn etwas am Höhepunkt der Corona-Pandemie gut war, dann war das das Corona-Update mit der beeindruckend fachkundigen und sprachsicheren Gesundheitsredakteurin Sonja Krause (Bild oben). Am 19. Mai ist es das (vorläufig?) letzte Mal ausgestrahlt worden.
Grundsätzlich hat die Kleine Zeitung einen umfangreichen PodcastChannel: „Graz laut gedacht“, leider seit Ende Jänner nicht mehr bespielt worden, widmet sich dem Stadtleben der steirischen Kultur-Metropole, etwa ihrer vielfältigen Musikszene oder ihrem Tourismus. Auch schon lange nichts mehr zu hören war vom „Start-Gespräch“, das die Startup-Szene beleuchtet und und in der bislang letzten Folge die tolle Idee eines „Kultur-Token“s für die Stadt Wien vorstellt: Wer sich (langfristig) ökologisch vorbildlich verhält und Öffis, Rad oder die eigenen Füße statt dem Auto zur Fortbewegung benützt, sammelt Gutschriften für den Eintritt zu Kulturveranstaltungen. Leider ist die Initiative derzeit - raten Sie mal, warum - „on hold“. Wien-bezogen ist der Grätzlcast, in dem 23 Promis aus ebenso vielen Bezirken durch ihre unmittelbaren Lebensräume führen. So etwa stellt der britische Botschafter Leigh Turner in sagenhaft gutem Deutsch und charmanten Versuchen in Wienerisch das Botschaftsviertel im 3. Bezirk vor; Manuel Rubey versucht uns zu überzeugen, dass der 15. Bezirk einen Besuch wert ist. Im „Popcast“ erklären Musiker/innen wie die Band Viech, Alicia Edelweiss oder Mira Lu Kovacs - also nicht notwendigerweise nur Steirer - minutiös und mit vielen akustischen Belegen, wie bestimmte Songs entstanden sind. „Leicht erklärt“ widmet sich Phänomenen wie Stalking oder dem Mauerfall. Im „Stadtgespräch“ wird das Geschehen in den beiden größten Kärntner Städte Klagenfurt und Villach reflektiert. Für die Zeiten, wo das Volk die Vertreter wählt, die es verdient, steht ein „Wahlcast“ zur Verfügung, während „Im Detail“ als jüngsten Coup ein Interview von Chefredakteur Hubert Patterer mit Wolfgang Schüssel anbieten kann. Auch wenn das Gespräch mit dem bekanntermaßen auf kritische Fragen sehr empfindlichen Ex-Kanzler etwas handzahm ausgefallen ist, so beeindruckt zumindest Schüssels Bildung, die ihn letztlich doch signifikant von seinem Adepten Sebastian Kurz unterscheidet. https://www.kleinezeitung.at/service/podcast/index.do

Kurier

Bildschirmfoto 2020-06-21 um 14.05.51.png

Auch der Kurier hat einen umfangreichen podcast-Channel. Man kann ihm dabei obendrein zugutehalten, dass die Beiträge großteils top-up-to-date sind. Mit „Dunkle Spuren“ fährt er auf der im angloamerikanischen Raum äußerst erfolgreichen True-Crime-Schiene und heftet sich ungelösten Mordfällen auf die Spur. Hunderttausende Klicks belegen den Erfolg der Idee. Vielleicht noch bemerkenswerter: Es kommen auch Hinweise von Hörern. Begleitet wird der realkriminelle Podcast immer mit einem ausführlichen Multimedia-Dossier zum jeweiligen Fall auf kurier.at. 
„Kurier Daily“ bringt, wie der Name schon sagt, tagesaktuelle Aufreger aus Politik, Wirtschaft und was sonst noch alles. Dass der „Tweet des Tages“ haarklein mit einer Rubrik auf unserer Seite korrespondiert, mag Zufall sein (glücklicherweise sind wenigstens die ausgewählten Tweets nicht identisch).
„Nachspielzeit“ verschreibt sich dem Fußball und analysiert aktuell die wundersame „Wiederauferstehung“ des Traditionsklubs Rapid und David Alabas tragende Rolle bei Bayern München. Eine eigene Sektion, „Fake Busters“, ist Verschwörungsphantasien vorbehalten: Bill Gates, 5G, QAnon und die anderen üblichen Verdächtigen (jeden Dienstag). „Nur in Wien“, montags und donnerstags, erst vor kurzem implementiert, widmet sich dem Stadtleben. Und allein vom Titel her recht lustig ist der Podcast „Blöde Frage“. Muss man noch extra erwähnen, dass die blöden Fragen alles andere als blöd sind? Eine, gestellt am 29. Jänner, lautete „Müssen wir uns vor dem Coronavirus fürchten?“ https://kurier.at/podcasts

Salzburger Nachrichten

Neben der Kleinen Zeitung sind die Salzburger Nachrichten die einzige Bundesländer-Zeitung, die einen Podcast-Channel betreibt. Bemerkenswert: Die SN sind noch immer „Dem Virus auf der Spur“. Sie verfolgen den Schurken, indem sie mit Hilfe von Experten langzeitgültige Aspekte untersuchen: Wie gefährlich ist (für wen) Sport nach einer Corona-Infektion? Welche Medikamente helfen?
Thematisch einzigartig und auch recht populär ist die „Die gefragte Frau“, indem verschiedene mehr oder weniger alltägliche Aspekte - etwa was die Krise mit uns macht, wieviel Mut Selbstständigkeit erfordert usw. - nicht etwa aus spezifisch weiblicher Perspektive, aber eben ausschließlich von Frauen beantwortet werden. Was sonst auch niemand hat: Einen Podcast mit kurzen Liebesgeschichten, „Salzburglove“ betitelt.
„Meine Gesundheit“, das sich hauptsächlich dem Thema Fitness verschreibt, muss derzeit etwas gegen Corona zurückstehen. „Hinter den Schlagzeilen“ gewährt die SN-Redaktion Einblicke in ihre Arbeit. „Wege aus der Krise“ sucht ein weiter SN-Podcast. https://www.sn.at/snin/podcast/

Krone

Grundsätzlich ist der Krone-Leserschaft eher kein Nahverhältnis zum Medium Podcast zu unterstellen. Aber einen leistet sie sich doch, und der ist recht gemütlich und liebenswert-nostalgisch: In „,Krone’-Fußballgeschichten“ kommen Alt-Stars wie Andreas Herzog, Gustl Starek, Andi Ogris, Heimo Pfeifenberger oder Michael Konsel zu Wort. https://fussballgeschichten.podigee.io/

Wiener Zeitung

Die Wiener Zeitung betreibt gemeinsam mit der Plattform „Demokratie 21“ einen in unregelmäßigen Abständen upgedateten „Demokratie-Podcast“: Dabei kommen Menschen aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft zu Wort: alle, die eine wesentliche Rolle zur Zukunft unserer Demokratie spielen und spielen wollen. Das können auch Kollegen von anderen Medien sein wie Falter-CR Florian Klenk oder Krone-TV-Moderatorin Katia Wagner. https://www.wienerzeitung.at/multimedia/wie-jetzt-der-demokratie-podcast/.

 

 

 


Mehr in dieser Kategorie: « Ö1 macht Schule mit Florian Klenk