Im Flohzirkus von Primadonnen Ludwig Drahosch / Rainhard Lehninger
21 Feb
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Im Flohzirkus von Primadonnen

FOTOSTRECKE UNTEN   Man mag ihn als „Doyen des österreichischen Journalismus“ bezeichnen, als Legende“ oder was es an Platitüden noch alles gibt - sagen wir es so: Kaum jemand hat das hiesige Presse- und insbesondere Zeitschriftenwesen so beeinflusst wie der 1939 in Wien geborene Peter Michael Lingens. Im Gespräch mit BranchenBlatt rekapituliert der ehemalige Herausgeber des profil und der Wirtschaftswoche, Standard-Chefredakteur und Magazingründer seine bewegte Karriere.

 

1986 war das Jahr, als die Grünen gewissermaßen in der österreichischen Öffentlichkeit ankamen. Und zwar, weil ihre Gallionsfigur Freda Meissner-Blau gegen Kurt Waldheim und Kurt Steyrer um die Bundespräsidentschaft in den Ring stieg. Über sie schrieb Peter Michael Lingens, als Herausgeber des Nachrichtenmagazins eine der gewichtigsten publizistischen Stimmen des Landes, sie vertrete so ziemlich das Gegenteil von dem, was er denke. Ein Jahr später wies Lingens ein Gesprächsansuchen des Stadtmagazins mit der Begründung ab, er gehe davon aus, dass man dort nur das Schlechteste über ihn schreiben wolle.

Heute ist Peter Michael Lingens Kolumnist des Falter; ebendort hat er auch für die Nationalratswahl 2019 die Grünen empfohlen.
„Ich war kein Anhänger der Grünen und bin es jetzt aus zwei Gründen: Einmal weil ich glaube, dass der Klimawandel eine sehr ernste Gefahr ist und dass die Grünen sich am energischsten dagegen eingesetzt haben, und zum Zweiten, weil Kogler in meinen Augen derzeit einer der wenigen Politiker ist, die etwas von Volkswirtschaft verstehen“, erklärte Lingens BranchenBlatt in einem langen Gespräch im November 2019, knapp bevor die türkis-grüne Regierung angelobt und sehr bald mit der Herausforderung durch das Coronavirus konfrontiert wurde.
Die Zusammenarbeit mit dem Falter kam zustande, nachdem Lingens´ wöchentliche Kolumne bei profil auf Zwei-Wochen-Frequenz umgestellt werden sollte. „Ich wollte aber wöchentlich schreiben und bot an, mein Honorar halbieren zu lassen. Ich hätte dann statt sowieso nicht rasend hoher 500 Euro 250 Euro pro Kolumne gekriegt. Als Christian Rainer sagte, dass er das nicht wollte, ging ich eben zum Falter und schreibe dort für 225 Euro pro Woche. Unterstützt hat diese Entscheidung, dass ich Florian Klenk für den mit Abstand besten investigativen Journalisten des Landes halte, der sich darüber hinaus durch besondere Anständigkeit auszeichnet.“

Peter Michael Lingens, dessen Vita die Chefredaktion und Herausgeberschaft des profil in dessen formativen Jahren, die Herausgeberschaft der Wirtschaftswoche/Wochenpresse, die Chefredaktion des Standard und nicht zuletzt die Gründung und Herausgabe der sehr erfolgreichen Kinderzeitung Klex (heute Topic) umfasst, ist seit den späten 1960er Jahren dermaßen intensiv mit der publizistischen Geschichte dieses Landes verbunden, dass es unvorstellbar scheint, er hätte je einen anderen Berufswunsch denn Journalist ins Auge gefasst. Weit gefehlt. Er hätte gern Industrial Design studiert, doch das gab´s an der Akademie damals noch gar nicht. Stattdessen wurde er in die Klasse für Malerei aufgenommen und fand, dass er dort nichts lernte. Er fing Jus und Medizin an und vollendete keins von beiden. Sein Wunschberuf war aber der des Berufsoffiziers.
1„Meine Eltern, die im Widerstand gegen die Nazis aktiv waren, haben mir vermittelt, dass es entscheidend ist, Österreich vor einem Diktator zu bewahren. Ich wollte auf jeden Fall, dass ein österreichisches Heer einem potentiellen Aggressor Widerstand entgegensetzt. Als ich dann das Heer in der Realität erlebte, wusste ich: dieses Heer wird das nicht können. Hätte es damals schon das Milizsystem unter Emil Spannocchi gegeben, wäre ich wahrscheinlich wirklich Offizier geworden.“
So blieb als Erbe seiner Eltern nur sein Verhältnis zu Flüchtlingen: „Ich habe zeitlebens Flüchtlinge in mein Haus aufgenommen - meine Kinder sind mit ihren Kindern aufgewachsen."

„Da ist ein Herr Berlusconi…“

Ironischerweise führte die Frustration beim Bundesheer geradewegs in den Journalismus. Als eine Munitionskammer explodierte und Zeitungen über die Ursache spekulierten, beschrieb Lingens in einem Leserbrief an das SPÖ-Blatt Arbeiter Zeitung die prosaische Realität: im Bundesheer seien die niedrigen Chargen mit Schwachsinnigen besetzt, da zu diesem Gehalt sonst niemand dort hinginge. So komme es, dass irgendein Geistesblitz eine Zigarette in die Munition werfe. Arbeiter Zeitungs-CR Oskar Pollak veröffentlichte das Schreiben zwar nicht, weil er Angst hatte, die SPÖ würde dadurch als Anti-Bundesheer-Partei wahrgenommen, doch er fragte Lingens´ Mutter, mit der er befreundet war, ob sich ihr Sohn nicht eine Tätigkeit als Journalist vorstellen könne. „Und so bin ich Journalist geworden.“
Von der Arbeiter Zeitung wechselte Lingens nach einem Zwischenspiel in Deutschland zum Kurier, machte sich einen Namen als Gerichtssaalberichterstatter und errang mit einer Serie über dir Problematik psychiatrischer Gutachten in der Justiz die Achtung des Philosophen Karl Popper, mit dem ihn später enge Freundschaft verband: „Dass er mich immer sehen wollte, wenn er in Wien war, war die Größte Auszeichnung die mir in meinem Leben zuteil wurde."
Freundschaft verband ihn auch mit Kurier-Chefredakteur Hugo Portisch. Als Portisch den Kurier verließ, wollten er und Lingens eine gemeinsame Tageszeitung gründen. Das scheiterte an der Finanzierung. „In Österreich haben wir kein Geld gekriegt. Dann hat uns ein Anwalt Geld aus Italien angeboten. Er sagte: ,Da ist ein Herr Berlusconi, der selbst im Zeitungsgeschäft ist, der gibt Ihnen das locker und verlangt auch keine bestimmte Blattlinie. Es darf Sie nur nicht stören, dass es Mafia-Geld ist.’“
Es störte die beiden aber. Ebenso das Angebot einer Waffenhandelsfirma, die „nur“ verlangte, dass nicht negativ über die griechische Militär-Junta berichtet würde.

Freundschaft mit Oscar Bronner

Wie er mit Oscar Bronner bekannt wurde, weiß Lingens heute nicht mehr. Beim Kurier wurden sie jedenfalls Freunde. „Wir waren jeder auf seine Art Außenseiter. Ich war es, weil ich relativ literarische Feuilletons geschrieben habe, was damals noch recht neu war. Bronner war es, weil er unendlich lange recherchiert und studiert hat, ehe er etwas geschrieben hat. Da gab´s unter den Kollegen den Spruch: Da steht ein Lastauto unterm Kurier-Haus und lädt Bücher aus - der Bronner schreibt einen Einspalter. Mir hat seine Ernsthaftigkeit durchaus imponiert.“
Bronner habe sich, erzählt Lingens, bei seinen Vorhaben stets durch kühne Ziele ausgezeichnet. Als er eine Werbeagentur gründete und gerade den ersten Jahresauftrag an Land gezogen hatte, fragte er Lingens, ob er nicht Geschäftsführer seiner deutschen Filiale werden wolle. „Das heißt, er war als winzigste österreichische Agentur überzeugt, eine künftige Weltagentur gegründet zu haben, die natürlich eine deutsche Filiale haben würde.“
Als nächstes bot Bronner Lingens die trend-Chefredaktion an, die dieser ausschlug und ihm Jens Tschebull für diese Funktion vorschlug, weil er seine eigene ökonomische Kompetenz nicht hoch genug einschätzte und weil er, frisch verheiratet, den sicheren Hafen Kurier den potentiell unruhigen Fahrwassern des Wirtschaftsmagazins vorzog. Als ihm Bronner nicht viel später die redaktionelle Leitung des profil antrug, nahm er indes an:
„Das hatte mehrere Gründe: Ich war beim Kurier frustriert, nachdem Hugo Portisch weggegangen ist. Unter dem neuen Chefredakteur Eberhard Strohal konnte ich mich mit der Zeitung nicht mehr so identifizieren wie davor. Dann wollte ich wenigstens Leiter des Lokalteils werden und Strohal hat mir einen wirklich subalternen Polizeireporter vorgezogen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass Bronner mit dem trend eine tragfähige wirtschaftliche Basis für dieses neue politische Magazin geschaffen hatte."

1975: profil-Herausgeber

46 159201846 46 167547974Nach ein paar Nummern, die noch Jens Tschebull geleitet hatte, ging die Chefredaktion an Lingens und Georg Nowotny, der die Zeitschrift aber bald verließ. Als Bronner profil 1975 an den Kurier verkaufte, wurde Lingens Herausgeber - und hatte „einen Flohzirkus von Primadonnen“, wie er das nennt, zu koordinieren: „Linken Primadonnen wie Joachim Riedl, der mich von Zeit zu Zeit das Arschlecken geheißen hat. Eher rechten Primadonnen wie Alfred Worm, der empört war, wenn ich eine seiner Aufdeckergeschichten noch nicht bringen wollte, weil die Beweislage noch unzureichend war. Er hatte allerdings fast immer Recht, wenn er das Schlimmste vermutet hat. Es gab eine Sigrid Löffler, die hervorragend geschrieben hat, aber alle Kollegen - mich eingeschlossen - für Vollidioten gehalten hat. Es gab einen Reinhard Tramontana, der ein unglaublich begabter Schreiber, aber Alkoholiker und daher äußerst schwierig im Umgang war. Oder Manfred Deix, der jede seiner Zeichnungen zwei Stunden nach den absolut letzten Abgabetermin geliefert hat.“
Retrospektiv räumt Lingens ein, er habe in der Führung der Redaktion eine konsequente Linie vermissen lassen. „Hugo Portisch war autoritär. Aber man hat wegen seiner Kompetenz nicht hinterfragt, was er angeordnet hat. Otto Schulmeister war in meinen Augen zwar kein guter Chefredakteur der Presse und schrieb auch nicht gut, aber er hat mit ungeheurer Autorität angeordnet, was zu geschehen hat und wurde dafür geschätzt. Ich dagegen war jemand, der öfters einmal abstimmen ließ, was Titelgeschichte werden sollte. Aber in manchen Fällen habe ich entschieden: Das ist die Titelgeschichte! Ich will das! Eine solche unterschiedliche Handhabung ist vor allem für Linke schwer auszuhalten: Die wollen entweder Basismitbestimmung oder Diktatur - aber nichts dazwischen.“

Zerwürfnis mit Redaktion

1987 legte Lingens die Herausgeberschaft des profil zurück. Diesen Schritt sollte er später als den Fehler seines Lebens bezeichnen. Der Demission war ein Konflikt Lingens´ mit seinem Stellvertreter Helmut Voska vorausgegangen, der die Redaktion in zwei annähernd gleich große Lager teilte. Ausgelöst hatte die Spaltung ein Projekt, das Lingens als die Krönung seiner Herausgeberschaft sah: profil sollte eine Kooperation mit dem britischen Wirtschaftsmagazin Economist eingehen. Mit dessen damaligem Herausgeber Andrew Knight hatte er vereinbart, dass profil - gegen den vergleichsweise lächerlichen Betrag von 300.000 Schilling (21.800 Euro) - in jeder Ausgabe bis zu zwölf Texte aus dem Economist übernehmen dürfte. Und zwar einen Tag bevor sie im Economist (der den Deal einging, weil er einen Fuß in den deutschen Sprachraum bekommen wollte) zu lesen gewesen wären. profil mit Economist hätte die Kooperation dann geheißen, die vertraglich bereits festgeschrieben war und nur mehr der Unterschrift durch den Eigentümer Kurier in Gestalt des Geschäftsführers Ernst Gideon Loudon harrte. Doch beim Unterschriftstermin meldete Voska Einspruch an. „Ohne in der halbstündigen Autofahrt mit mir ein Wort darüber gesagt zu haben, zog er ein Papier aus der Tasche, aus dem hervorging, dass fast die gesamte Redaktion massive Bedenken gegen das Projekt hege. Das kam dadurch zustande, dass die Linken in der Redaktion, wie Erhard Stackl oder Joachim Riedl, die normalerweise auf meiner Seite standen, den Economist damals für ein reaktionäres Medium hielten - heute lesen ihn beide mit Begeisterung."
Lingens sah sich zum Rückzieher genötigt. „Gescheiter wäre gewesen, zu sagen: Ist halt die ganze Redaktion dagegen - egal, ich zieh das durch“, weiß er heute.
Wie auch immer - seit diesem Tag gab es einen Bruch im Verhältnis zwischen Lingens und der profil-Redaktion, der nie mehr heilte.
Lingens´ Idee, mit eigener 25-Prozent-Beteiligung eine Art profil für Kinder zu gründen und so künftige Leser heranzuziehen, war auch nicht angetan, das frostige Betriebsklima zu erwärmen. In der Redaktion, die damals zu 25 Prozent am trend-Verlag beteiligt war, regte sich Sorge vor Verlusten, die sie mittragen müsste - gleichzeitig war man der Meinung, das Lingens damit Geld scheffeln würde. Eines Tages fand Lingens seinen Schrank aufgebrochen und Briefe an die Landeshauptleute daraus entwendet. In einer eilig einberufenen Verlags-Versammlung wurde ihm der Vorwurf gemacht, er missbrauche seine Position als profil-Herausgeber für ein Projekt, an dem er Anteile halte. In Wahrheit lag diesen Briefen eine juristische Notwendigkeit zugrunde: Da die Landeshauptleute in allen Bundesländern die höchste schulische Instanz sind, brauchte Lingens zwingend ihre Zustimmung, um sein Produkt an Schulen verkaufen zu können.

Der schicksalhafte Rücktritt als profil-Herausgeber

Auch wirtschaftlich hatte Klex, wie das Magazin anfangs hieß, einen schwierigen Start: Da ein Team und die vorgesehene Chefredakteurin nicht finanziert werden konnten, machten Lingens und seine damals schwangere Frau Eva die Arbeit allein und übernahmen die gesamten Anteile am Projekt, das später unter dem Namen Topic sehr erfolgreich werden sollte.
Dazu kamen private Probleme: Lingens hatte gerade ein zweites Mal geheiratet und litt unter Gewissensbissen wegen der Scheidung von seiner ersten Frau, die er ausschließlich eigenem Verschulden zuschreibt. Seine Mutter verstärkte die Gewissensbisse mit den Worten „Was du mir antust, ist schlimmer als Auschwitz“.
Genau in dieser Phase bot ihm Günther Enikl, Geschäftsführer des trend-Verlags an, die Herausgeberschaft des profil zurückzulegen und für das selbe Monatsgehalt nur mehr den Leitartikel zu schreiben. Das Konglomerat aus Stress, Konflikten, Schuldgefühlen und Vorfreude auf das vierte Kind bewog Lingens, dem Angebot zuzustimmen. „Ich habe es am nächsten Tag bereut und bin in eine wirkliche Depression verfallen, aus der ich nur mit einer Schlafkur und Medikamenten wieder herausgekommen bin.“

Herausgeber der Wochenpresse/Wirtschaftswoche

1989 übernahm Lingens die Herausgeberschaft der Wochenpresse. Er hatte bereits früher den Vorschlag gemacht, das konservative Wochenmagazin in ein Wirtschaftsmagazin umzuwandeln und wurde nun von der Industriellenvereinigung eingeladen, diese Idee zu realisieren. Die Wochenpresse wurde durch einen von Lingens vermittelten Verkauf an den Holtzbrinck-Verlag zur Wirtschaftswoche.
„Ich glaube, wir haben ein gutes Wirtschaftsmagazin gemacht. Die Wirtschaftsuniversität hat uns dafür den Cippin-Preis verliehen. Aber wir verloren alle alten Wochenpresse-Leser, die vor allem die Kulturberichterstattung geschätzt hatten. Es kam zu einem kompletten Leser-Austausch. Hätten wir ein neues Wirtschaftsmagazin gemacht und das hätte nach einem Jahr 3 Prozent Leser-Anteile erreicht, hätte das jeder toll gefunden. So hatten wir nach einem Jahr die selben 3 Prozent Leser, die die Wochenpresse vordem schon hatte. Die Inserenten sahen keinen Fortschritt und hielten Abstand.“
Lingens gelang es, das Defizit der Zeitschrift massiv zu verringern und verließ die Wirtschaftswoche 1993 mit der Überzeugung, dass sie bei Christian Rainer und Christian Ortner gut aufgehoben sei, um in die Chefredaktion des Standard zu wechseln.
„Ich hatte damals das Gefühl, Wirtschaft ist nicht wirklich mein Thema - ich bin eigentlich ein politischer Journalist. ich kehre zurück zu Bronner, mit dem ich so gut zusammengearbeitet habe.“

Chefredakteur des Standard

Seine Frau warnte Lingens vor derlei nostalgischem Sentiment: „Sie sagte, Bronner habe seinerzeit darunter gelitten, dass man profil mit Lingens und nicht mit Bronner identifiziert. In der Tat hatte sich Bronner bei profil nie ins Blattmachen eingemischt. Den Standard leitet er wirklich, ist dort sowohl Chefredakteur wie Herausgeber und trifft alle Entscheidungen in letzter Instanz. Und tatsächlich war das Problem in der Zusammenarbeit, dass ich zwar nominell gleichberechtigter Chefredakteur mit Gerfried Sperl war, dass mich Bronner aber zu Konferenzen der Chefredakteure untereinander nicht heranzog. Offensichtlich wollte er mich in keiner Weise in die wesentlichen Entscheidungen einbinden. Ich hätte das als Vertragsbruch einklagen sollen, habe es aber leider nicht getan.“

Vor Gericht

In dieser Situation war Lingens nur zu froh, dass Raiffeisen-Vorstand Christian Konrad ihm anbot, wieder Herausgeber des profil zu werden. Doch just in diesem Moment platzte die sogenannte Kalal-Mekis-Affäre und Lingens wurde hineingezogen: Weil er den befreundeten Autovermieter Franz Kalal gebeten hatte, beim Staatsanwalt Wolfgang Mekis „ein gutes Wort“ für die gerade in einer juristischen Bredouille befindliche russischstämmige Geschäftsfrau Walentina Hummelbrunner einzulegen, wurde er wegen Anstiftung zum Amtsmissbrauch angeklagt. Der Hintergrund: Hummelbrunner hatte einen Kosmetiksalon eröffnet, Lingens’ Schwiegertochter bewarb sich um dessen Leitung, verschwieg dabei auch nicht eine (nicht ansteckende) Allergie und erhielt darob eine Absage der Geschäftsführerin. Nach einem Gespräch mit Lingens war Hummelbrunner bereit, diese Entscheidung zu revidieren und er war ihr dafür dankbar. Als Hummelbrunner ein paar Monate später wegen dubioser Russland-Geschäfte angeklagt wurde, versuchte Lingens für sie zu intervenieren. Sie wurde von der Anklage rechtskräftig freigesprochen. So wie dann auch Lingens vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs.

Für Lebenswerk geehrt

51glxkOWDCL. SX331 BO1204203200 Nach der Einstellung des langwierigen Verfahrens und einem ersten Herzinfarkt - dem später noch zwei weitere folgten - fand sich der Journalist vor den sprichwörtlichen Trümmern seines Lebenswerks: „Mein Ruf war vernichtet, die Karriere war vernichtet, ich habe enorm viel Geld verloren - ich hatte einen sehr guten, aber auch sehr teuren Verteidiger. Und ich konnte mir nicht einmal sagen, ich wäre da völlig unschuldig - man kann als Chefredakteur des Standard nicht bei einem Staatsanwalt für jemanden intervenieren - auch nicht auf dem Umweg über einen Dritten. “

Nach seinem Freispruch lehrte Lingens Journalismus an der Donau-Universität Krems und schrieb Kommentare für die Presse: „Andreas Unterberger hat mit diese Chance zum Comeback gegeben“. Von der Presse kehrte er als Kolumnist zum profil zurück. 2009 fand sein Buch „Ansichten eines Außenseiters“, das seine Karriere rekapituliert, Anerkennung in der Fachpresse. Gegenwärtig schreibt er an seinen Memoiren. Im August 2019 beging Peter Michael Lingens, der in Wien, in Spanien und in malerischer Lage in der Klosterneuburger Au lebt, seinen 80. Geburtstag; Anfang 2020 wurde er von der Branchen-Zeitschrift Der Österreichische Journalist für sein Lebenswerk geehrt.

 

 



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