Die Habgier der Manager - unsere Hoffnung Screenshot wienerzeitung.at
06 Sep
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Die Habgier der Manager - unsere Hoffnung

Business as usual nach dem Lockdown? Es sieht so aus und das ist schlecht so. Doch da gibt es etwas, das den Gang des Immergleichen beeinträchtigen könnte, sagt ein unglaublich guter Artikel in der Wiener Zeitung.

 

„Für mich der beste Artikel seit Jahren, in einer heimischen Zeitung“, schreibt Leser Johann Gstöttner.
„Ach heul woanders rum, Hipster. Was glauben Sie denn, wer Ihnen den tollen ,ich bin Super Urban-Großstädter, mit Job ohne körperliche Arbeit, der nur mit Rad oder Öffentlichen fährt’ ermöglicht, hm? In jedem anderen Wirtschaftssystem müßten Sie entweder auf Ihren bequemen Lebensstil verzichten oder würden im Gulag landen. Andererseits, wer jetzt schon beim Staat angestellt ist und sein Gehalt aus Steuergeldern erhält (WZ gehört der Republik, finanziert sich größtenteils durchs Amtsblatt), naja …
Und so jemand möchte meinen Lebensstil kritisieren“, postet dagegen Mag. Manuel Leitgeb, der sich in unzähligen weiteren Kommentaren zu Artikeln als glühender Anhänger Donald Trumps und generell sehr rechten Gedankenguts zu erkennen gibt.

Gegenstand dieser gegensätzlichen Meinungen ist der Artikel „Als wäre nichts gewesen“ in der Wiener Zeitung vom Wochenende. Grosso modo erfreut sich diese Post-Lockdown-Bestandsaufnahme freilich begeisterter Akklamation. Und das zu Recht. Autor Bernd Vasari nimmt darin Wirtschaftsbereiche ins Visier, die es eilig haben, mit „bewährter“ - sprich: umweltzerstörerischer, ausbeuterischer - Geschäftspraxis wieder dort anzuschließen, wo sie durch den Ausnahmezustand kurz „gestört“ wurden. Die Kreuzfahrt zum Beispiel, die 2019 Milliardengewinne eingefahren hatte: Nach teilweise etwas ungemütlichen Irrfahrten über die sieben Weltenmeere, wo den schwimmenden Monsterkästen und Virenschleudern in vielen Häfen das Andocken verwehrt wurde, ist wieder business as usual angesagt und kündigt eine Reederei nach der anderen neue Programme an.
Der Luftfahrt wird mit Milliarden Hilfsgeldern unter die Arme gegriffen, damit sie weiter macht wie bisher, Tickets zu Dumpingpreisen verscherbelt, die Flieger vollpackt und wie gehabt Kerosin ausstößt. Das AUA-Management wollte sich mit den Hilfsgeldern der Steuerzahler auch alsgleich Boni auszahlen. Es ist übrigens keineswegs ausgeschlossen, dass es das zu einem späteren Zeitpunkt noch tut.
Wie Habgier und Ausbeutung Hand in Hand gehen, führt Vasari besonders eindrücklich am Beispiel der Erntehelfer vor. Fast ausnahmslos aus Billiglohnländern wie Rumänien, Bulgarien oder der Ukraine kommend, waren sie plötzlich wegen der Pandemie nicht mehr verfügbar. Einheimische aber wollten sich nicht für sechs Euro die Stunde den Rücken krumm machen. „Doch anstatt die Bedingungen zu verbessern“, schreibt Vasari, „wurden mitten im Lockdown mit Staatshilfe Flugzeuge gechartert und Züge in Richtung Osteuropa losgeschickt, um Erntehelfer ins reiche Westeuropa zu holen. Von wo sie nicht mehr zurückkonnten. Die moderne Sklaverei musste weitergehen, auch dann, wenn eine Pandemie den Kontinent überzieht. Sicherheitsvorkehrungen wie für die einheimische Bevölkerung galten für die Arbeiter aus dem Ausland nicht. Kein Abstand, keine Masken, enge Unterkünfte. Trotz Staatshilfen in Milliardenhöhe, trotz Milliarden Euro an Förderung durch die Europäische Union.“

Alles wie vorher bzw. immer also? Vasari sieht da ein Lichtlein. Es mutet aufs erste Hinschauen etwas pervers an. Aufs zweite übrigens auch: Es könnte sein, meint er, dass die Maß- und Skrupellosigkeit vieler Manager die Geduld der Menschen überstrapaziert. Typen wie dem milliardenschweren deutschen Schlächter Clemens Tönnies etwa, der in seinen Betrieben schlechtbezahlte Arbeiter ohne ausreichende hygienische Maßnahmen zusammenpferchte, von denen dann 1550 positiv auf Covid-19 getestet wurden. Tönnies forderte von Staat und Land (NRW) Entschädigungen für Umsatzeinbußen. Diese „Gruppe von Managern, die sich noch immer als harte Cowboys fühlen, als Gottes Geschenk an die Welt“, sind Vasaris „Hoffnungsträger“. Nämlich dahingehend, „dass es nun doch so weit kommen könnte, dass große Teile der Gesellschaft vom bisherigen System genug haben und es auch kommunizieren werden. Sei es bei Wahlen, sei es auf der Straße. Die dafür sorgen könnten, dass die Schmerzgrenze erreicht ist.“
Zwar wisse man noch nicht, ob die Tendenz weiter Richtung Profitgier oder doch eher Richtung Nachhaltigkeit gehen werde. „Mit jeder weiteren Schweinerei wird die Ungeduld der Menschen mit dem jetzigen System aber wachsen, bis sie nicht mehr wegsehen werden.“