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03 Jul
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Sommer-Tagebuch

Die linke Zeitschrift bringt in ihrer Juli-August-Ausgabe u.a. eine lesenswerte Analyse über die notorische Rivalität zwischen Bund und „Rotem Wien“

 

Seit ungefähr einem Dreiviertel Jahr existiert die bekennenderweise linksdrallige Zeitschrift Tagebuch. Dieser Tage erschien in den Kiosken die Sommernummer (Juli/August). In einem lesenswerten Beitrag geht der in Wels geborene Publizist, Bibliothekar, und ehemalige Vorsitzende des Österr. Büchereiverbands (ÖVB), Alfred Pfoser, der Rivalität zwischen Bund(esländern) und Stadt Wien auf den Grund. Unlängst wieder von Innenminister Karl Nehammer befeuert, haben die Ressentiments des Bundes gegen das „Rote Wien“ eine lange Tradition; auch die schwarzblaue Koalition hat vorgeführt, dass sich mit Stimmungsmache gegen Spätaufsteher,„soziale Hängematte“, „luxuriöse Mindestsicherung“ und ähnlichen Wien zugeschriebenen/unterstellten Symptomen noch immer ganz gut auf Rattenfang gehen lässt.

„Erstaunlich am aktuellen Wien-Bashing ist, wie viele Ressentiments gegen die Bundeshauptstadt im Bedarfsfall mobilisierbar sind, auf welch einfachen Nenner sich die komplizierte Realität des 21. Jahrhunderts vor der politischen Öffentlichkeit mit Gewinn herunterrechnen lässt“, konstatiert Pfoser. „Da die sozialdemokratische (jetzt rot-grün) regierte Großstadt, dort die schwarz regierten Länder. Da die ,Zuagrasten’ in den Parallelgesellschaften mit den wenig integrationswilligen MigrantInnen, dort die tüchtigen Österreicher in der unverfälschten Heimat. Da die Sozialdemokratie und ihr Mai-Aufmarsch, dort die bewährte ländliche Tradition. Da die Wohnungsmieter, dort die fleißigen Häuslbauer.“

Weitere Beiträge im neuen Tagebuch drehen sich um Personen, die dieser Tage runde Geburtstage feierten, würden sie denn noch leben: Der französische Soziologe Pierre Bourdieu wäre am 1. August 90 Jahre alt geworden; der 1991 an AIDS verstorbene Schriftsteller am 11. Juli 60. Aus dem alten Wiener Tagebuch, auf das sich das Magazin nominell bewusst bezieht, wird ein Nachruf des Schriftstellers und kommunistischen Politikers Ernst Fischer auf den Dichter Paul Celan dokumentiert und kontextualisiert.

Tagebuch kostet am Kiosk 8,50 Euro. Man kann das Magazin natürlich auch im Abo erwerben. Es gibt für Abos verschiedene Preismodelle. Eine Möglichkeit ist, nichts oder weniger als den Normalpreis zu zahlen. Das ist selbstverständlich für Bedürftige gedacht. Ein Nachweis der Bedürftigkeit muss nicht erbracht werden. „Wir vertrauen auf die Ehrlichkeit unserer Leser“ erklärt Herausgeber Samuel Stuhlpfarrer. Man kann aber auch ein Abo - ein sogenanntes Sospeso Abo - zu einem überhöhten Preis abschließen. Auf diese Weise finanziert man die Bedürftigen. Das gleiche gilt für Spenden. Und wenn man Stuhlpfarrer glaubt, geht die Rechnung tatsächlich auf: „Die Spenden und Sospeso Abos gleichen die kostenlosen und vergünstigten Abos aus“, versichert er BranchenBlatt.