„Wir erhielten den Befehl, jeden umzubringen" Ahmadreza89 / Pixabay
29 Sep
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„Wir erhielten den Befehl, jeden umzubringen"

Die New York Times veröffentlicht Telefonate russischer Soldaten, die in der Ukraine im Kriegseinsatz waren/sind, mit Angehörigen oder Freundinnen. Ein Konglomaerat aus militärischen Fehlschlägen, schlechter Versorgung, Grausamkeit, Plünderungen, Sinnkrisen und offizieller Lügenpropaganda entfaltet sich.


Ein Soldat namens Sergej erzählt seiner Freundin, was (auf Befehl des Kommandanten) passierte, als drei Männer an einer Unterkunft russischer Soldaten vorbeigingen:

Wir haben sie festgenommen, ausgezogen und ihre Kleider durchsucht. Und dann musst eine Entscheidung getroffen werden, ob man sie gehen lassen würde. Wenn wir sie gehenließen, konnten sie unsere Position verraten. ... So wurde entscheiden, sie im Wald zu erschießen.
Ihr habt sie erschossen?
Natürlich haben wir sie erschossen.
Warum habt ihr sie nicht gefangengenommen?
Dann hätten wir sie ernähren müssen und wir hatten selbst nicht genug zu essen, weißt du?

Gespräche wie dieses, geführt im März dieses Jahres in Gräben, Verschlägen und besetzten Häusern rund um die ukrainische Hauptstadt Kiew, waren den russischen Soldaten eigentlich verboten. Und prompt wurden sie - zu Tausenden - auch von ukrainische Exekutivorganen abgehört und offensichtlich der NYT übermittelt, wo sie nun nach monatelangem Check „exklusiv", wie die Zeitung betont, und der Verständlichkeit halber leicht redigiert veröffentlicht wurden. Aus Sicherheitsgründen wurden nur die Vornamen der Soldaten angegeben. Auf der Homepage der NYT sind auch O-Töne aus den Gesprächen zu hören.
Die Chats offenbaren - in diesem noch sehr frühen Stadium des Kriegs - eine demoralisierte Stimmung unter den russischen Soldaten. Sehr offensichtlich waren sie nicht bzw. sehr kurzfristig von einem Kriegseinsatz informiert, geschweige denn ordentlich auf ihre eigentliche Agenda vorbereitet worden: Quasi im Vorbeigehen die ukrainische Hauptstadt einzunehmen.
Sie halten im Fernsehen die Leute zum Narren, wenn sie erzählen , Alles ist in Ordnung, da ist kein Krieg, nur ein spezielles Manöver'. In der Realität ist es ein verdammter richtiger Krieg.

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Die Soldaten, die sehr schnell bemerken, dass es mit der blitzartigen Eroberung Kiews nichts wird, beschweren sich über schlechte Versorgung, einige haben Frostbeulen an Händen und Füßen. Offen erzählen sie von Plünderungen und Morden an der Zivilbevölkerung, deren Leichen zu Tausenden auf den Straßen herumliegen. Nicht wenige kritisieren die Spitzen der russischen Administration, einige sogar Diktator Wladimir Putin höchstpersönlich.

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Ab Mitte März ist dann auch die Rede von schweren Verlusten. Als reihenweise Särge in die Heimat kommen, bricht teilweise auch der Glaube an die offiziellen Jubelmeldungen. Frauen von Gefallenen schreiben Präsident Putin persönlich.

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Ein Soldat lässt sich von seinem Vater berichten, was zuhause im Fernsehen über den Einsatz erzählt wird. Was er hört, ist ungefähr das Gegenteil von dem was er erlebt hat.

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Ende März ziehen sich die russischen Truppen aus dem Territorium um Kiew zurück; Präsident Putin wird behaupten, es habe nie die Absicht bestanden, Kiew einzunehmen, sondern die ukrainischen Truppen zu schwächen.


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