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05 Dez
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Podcast: Eineinhalb Jahre auf Schiene

„Abenteuer im Alltag": 18 Monate lebte eine Studentin aus Bielefeld in Zügen der Deutschen Bahn.

Mit der Vermieterin in Stuttgart gab es eine Meinungsverschiedenheit. Also verlegte Leonie Müller, Studentin in Tübingen,  ihren Lebensmittelpunkt in die Bahn: Zwischen Mai 2015 und Oktober 2016 lebte die aus Bielfeld stammende angehende Medienwissenschaftlerin in Zügen der Deutschen Bahn. Sie kaufte sich eine BahnCard 100 - Kosten: 4100 Euro, 340 im Monat, was billiger war als ihr WG-Zimmer vorher. 

Geschlafen hat sie ab und zu in Zügen, hauptsächlich aber bei Freunden und Verwandten. Ein 40-Liter-Rucksack beherbergte ihre Ausstattung, deren wichtigste Bestandteile der Laptop, Kopfhörer, eine Kulturtasche und natürlich eine auf das Wesentliche reduzierte Garderobe waren. 

Ihre Erfahrungen als Zug-Nomadin hat Müller, die erstaunlicherweise von der Deutschen Bahn nicht als Influencerin angeheuert wurde, sondern nur für sporadische öffentliche Debatten, in einem Buch („Tausche Wohnung gegen BahnCard: Vom Versuch, nirgendwo zu wohnen und überall zu leben“, Fischer) festgehalten und in vielen Medienauftritten wiedergegeben. 

Aktuell erzählt Müller, heute 26, davon in einem Podcast  von New Work SE, einer Dependance des beruflichen Netzwerks Xing. Das Ganze ist, eingeleitet von einem sagenhaft dämlichen Jingle, auf Spotify anzuhören. 

Inspiriert zu ihrem „Experiment“ hatte Müller eine neunmonatige Weltreise. „Da habe ich mich gefragt, warum wir das Abenteuer auf ein paar Tage Urlaub im Jahr verschieben. Im Alltag sind wir auch viel unterwegs. Warum versuche ich also nicht, das Abenteuer in den Alltag zu holen?“. 

Als sie das realisierte, fand es ihre ganze Umwelt passend: „Das ist auch ein gutes Zeichen, wenn Leute, die einen besser kennen, so etwas nicht völlig abwegig finden.“

Die Medien rissen sich um sie und beschrieben sie als „bekannteste Zugfahrerin der Welt“ und dergleichen. Wie mit dem Hype umgehen? „Es mag banal klingen: Authentisch bleiben. Die Haltbarkeit von Geschichten, die authentisch sind, ist viel langfristiger als von Geschichten, die sich irgendein Unternehmen ausgedacht hat und wo man schnell merkt, dass nichts dahintersteckt.“

Seit ihrem Zugtrip hat sich in Leonie Müllers Leben viel geändert. Sie wohnt in Köln, studiert in Leipzig, und arbeitet in einer Unternehmensberatung. Nebenbei macht sie Geld und Publicity mit Buch-Erlösen, Lesungen und Auftritten. Als eine der wenigen Konstanten ist geblieben, dass wie weiterhin viel im Zug unterwegs ist.