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22 Apr
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Europa europäischer machen

... ist eines der erklärten Ziele von EU-Vizepräsidentin Margrethe Vestager, die sich via Zoom und Presseclub Concordia Fragen zu den gestern vorgestellten EU-Regeln bezüglich Künstlicher Intelligenz stellte. FOTOSTECKE

Man weiß zwar nicht ganz genau, wie Künstliche Intelligenz (KI) zu definieren ist. Grob vereinfacht handelt es sich wohl um die eigenständige maschinelle Übernahme menschlicher Denk- und Entscheidungsprozesse. Auf jeden Fall ist sie schon so hoch entwickelt, dass sie etwa in der Medizin bestimmte Vorgängen präziser als der Menschen abwickeln oder - noch mit Kinderkrankheiten - Autos selbst fahren lassen kann. Dass sie jedenfalls nicht mehr aus dem digitalen Alltag wegzudenken ist, hat die EU veranlasst, ein Regelwerk im Umgang mit ihr zu entwerfen. Denn klar ist, dass mit KI sehr üble Dinge angestellt werden können und auch bereits werden, besonders was Überwachung angeht. Die EU will Überwachungen im öffentlichen Raum einen Riegel vorschieben - außer es werden Terroristen oder vermisste Personen gesucht. Grundsätzlich soll die Anwendung von Systemen verboten werden, die Menschen zum Nachteil gereichen können. Neben den verbotenen Anwendungen wird die Kommission eine Reihe von Anwendungen definieren, die zwar mit hohem Risiko behaftet sind, aber unter Auflagen erlaubt bleiben. Zum Beispiel die Einschätzung von Kreditwürdigkeit und die Bewertung von Bewerbungsunterlagen. Die meisten KI-Anwendungen - etwa für Spiele - findet die EU-Kommission indes unbedenklich.

Auf Einladung des Presseclub Concordia nahm die EU-Vizepräsidentin und Kommissarin für Digitales, Margrethe Vestager, zu dem Entwurf der Kommission in einem Zoom-Meeting Stellung.
„Der entscheidende Punkt im Umgang mit Technologie ist, dass die Demokratie Schritt hält“, erklärte die dänische Sozialdempokratin eingangs. „Und der Entwurf, den wir gestern präsentiert haben, ist der erste dieser Art auf diesem Planeten. Wenn Technologie Risiken für Menschen präsentiert, dann sollten wir diese Risiken im Zaum halten. Ich will dass wir das Steuer übernehmen und selbst bestimmen, welchen Weg unsere Demokratien gehen. Dazu kann Technologie Lösungen beisteuern.“
Zu den Stückerln, die KI spielen kann, gehört zum Beispiel, dass persönliche Emotionen während eines Bewerbungsgesprächs „gelesen“ werden. Oder Aufzeichungen, wann jemand seine Miete nicht rechtzeitig bezahlt hat oder zu schnell gefahren ist - in China bereits „erfolgreich“ als Social Scoring praktiziert: Je nachdem, wie gut man dabei abschneidet, kann man Priviliegien erwerben oder eben auch verlieren. Wie soll garantiert werden, dass Solches nicht auch in unseren Breiten angewandt wird?
„Wir würden eine solche Anwendung untersagen“, versicherte Vestager. „Wir würden auch unterbinden, dass Menschen mittels sublimer Signale angestiftet werden, anderen zu schaden. Wir reden so viel über europäische Werte. Und mit diesem Entwurf versuchen wir, sie mit Leben zu erfüllen. Es gibt Dinge, die wir in der Union nicht wollen. Und da sind Werte, die auf dem Spiel stehen und auf die wir aufpassen müssen.“
Möglicherweise auch auf Grund solcher ideelen Skrupel gilt die EU gemeinhin als digitale Schnecke. China und die USA sind uns, so wird oft kritisiert, um ein paar große Schritte voraus.
„Ich glaube, wir sind im Plan. Man kann über die Geschwindigkeit diskutieren, aber besonders in der Pandemie haben wir, würde ich sagen, ganz guten Gebrauch von unseren Kapazitäten gemacht. Und jetzt gehen 20 Prozent des EU-Aufbau-Plans ins Digitale. Das wird eine Menge Leute zu grundsätzlicher digitale Kompetenz und viele zu hoher digitaler Kompetenz befähigen, aber auch unsere Infrastruktur verbessern. Mein Ehrgeiz ist nicht, die EU China oder den USA ähnlicher zu machen, sondern Europa.“
Was das heißen soll und welche Konsequenzen es hat, wollte dann der ehemalige EU-Abgeordnete Hannes Swoboda dann doch genauer wissen. „Was ich darunter verstehe“, antwortete Vestager, „sind inklusive Gesellschaften, soziale Sicherheitsnetze, sicherzustellen, dass Arbeitslose unterstützt werden, öffentliche Gesundheitsservices - und zur selben Zeit Platz für Wachstum, Marktwirtschaft zu lassen. Diese Kombination ist sehr europäisch.“
Am Ende war die EU-Vizepräsidentin wieder beim Anfang: Dass der menschliche Standard mit dem technologischen Schritt halten solle. „Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir unsere Humanität weiterentwickeln. Natürlich sollten wir die technologischen Basics können. Aber wir sollten sie mehr in den Dienst unserer Humanität stellen. Vielleicht kann sie besser für eine inklusive Gesellschaft eingesetzt werden.“

 



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