Calexico: Joey Burns, John Convertino Calexico: Joey Burns, John Convertino City Slang
13 Dez
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Platte zur Saison. Platte der Saison

Ein geniales Album für die Jahreszeit haben Calexico aus Arizona dieser Tage veröffentlicht. Soundtrack-Tipp fürs Große Fest und Gelegenheit, auf viele grandiose Weihnachtsmusik hinzuweisen, die aus dem Grenzland zwischen USA und Mexiko seit Langem kommt.

 

 „When it's Christmas time in Texas / it might look just like a summer day / there may not be snow in San Antonio / but it's a Texas Christmas to me“.

I´m dreaming of a Brown Christmas / just like the ones in Mexico / (…) and yes, we don´t need no snow“.

Es fehlt dort unten im Süden des nordamerikanischen Halbkontinents an vielem, was wir mit stimmungsvollen Weihnachten verbinden. Dennoch kommen aus dem Grenzgebiet zwischen Mexiko, Kalifornien und Texas seit Menschengedenken die schönsten Weihnachtsplatten. Statt Schnee und Wäldern gibt es dort, wo Trump eine Mauer bauen wollte, einen musikalischen Biotop, in dem sich Weihnachtsatmosphäre ideal entfalten kann. Ironischerweise ist dieser ebenfalls einem Konflikt entwachsen - einem gewaltigen sogar: Als in Folge des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs (1846-48) u.a. die Staaten Texas, Arizona und Kalifornien an die USA fielen, nahmen viele spanischsprechende Emigranten ihre Kultur über die Grenze mit. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermischten sich besonders in Texas, Arizona und Kalifornien mexikanische Musikstile wie Marichi mit amerikanischer Blues- und Country-Musik. Dabei entstand eine hemmungslos populistische Musik, die, meist auf Spanisch vorgetragen, weder vor ausgelassener Bierzeltstimmung noch vor tiefster Gefühligkeit zurückschreckte und mit einem Amalgam der Ländern-Namen Texas und Mexiko als „Tex-Mex“ bezeichnet wurde. Mit ihrem Unmaß an Gemüt und Pathos eignet sich diese Musik auch vorzüglich als weihnachtlicher Stimmungsverstärker - zum Feiern genauso wie zum Heulen.

texmex1994 zelebrierten Stars des Genres wie (der 2006 verstorbene) Freddy Fender, der Akkordeonist Flaco Jimenez oder Joel Nava eine „A Tejano Country Christmas“ mit herzerwärmenden Interpretationen von Standards wie „When it´s Christmas Time in Texas“, „Frosty The Snowman“, „Stille Nacht“, hier natürlich „Noche De Paz“, und einer umwerfenden, von Jimenez´ Akkordeon geführten englisch-spanischen All-Star-Version von „Jingle Bells“.
Scannen 2020 12 13 15.56.07Ebenfalls 1994 feierte El Vez, ein ziemlich in Vergessenheit geratener kalifornischer Elvis-Wiedergänger mexikanischer Abstammung, der sich mit Latino-Adaptionen alter Presley- und Glam-Rock-Standards einen Namen gemacht hat, eine „Merry MeX-mas“. Für seine Weihnachtsplatte bedient er sich - eine dreist vom Stones-Klassiker „Dead Flowers“ abgekupferte „Eigenkomposition“ mit eierndem „Jingle Bells“-Motiv von der Slide-Gitarre und sarkastischem Text über ein „typisches“ Chicano-Weihnachtsfest abgesehen - im Fundus mittel- und nordamerikanischer Weihnachtslieder, deren Letztere er in gewohnter Manier in hispanische Milieus verlegt: „Santa Claus Is Sometimes Brown“, versichert er und träumt von einer „Brown Christmas“. Dass er damit eine Geschichte erzählt und nicht nur ein Sentiment bedient, hebt seine „Merry MeX-mas“ aus dem Meer von Weihnachtsplatten heraus.

„Seasonal Shift": Hoffnung auf Wandel

Wie El Vez greift, wer eine Weihnachtsplatte macht, üblicherweise auf vorhandenes Repertoire zurück. Calexico aber sind kühn: Sie machen eine Weihnachtsplatte mit überwiegend selbstgeschriebenem Repertoire. Und das im Krisenjahr 2020. Und eigentlich ist „Seasonal Shift“ - der Titel deutet es ja auch an - mehr als nur ein Weihnachts-Album: Die Platte zum Jahresabschluss. Zur Rückschau. Die Platte zur Saison. Und die Platte der Saison.
Calexico kommen aus Tuscon, Arizona, einem der Schmelztiegel im Südwesten der USA, in dem sich nord- und lateinamerikanische Musiken begegnen und vermischen. Zwischen Desert- und Indie-Rock, Folk, Mariachi-Bläsern, Jazz, Bossa Nova- und Samba-Rhythmen beschreibt ihre Musik stilistisch einen weiten Bogen, in dessen Radius Geschichten von Menschen erzählt werden, denen das Schicksal keine übertrieben tollen Karten zugespielt hat. Ihnen verschreibt sich auch „Seasonal Shift“ - als Mutmacher, als Appell an den Zusammenhalt in Familien und Communities, und, aus naheliegenden Gründen, als Manifest der Hoffnung auf einen politischen und gesellschaftlichen Wandel in den USA.
Calexico, die im Kern aus Sänger, Gitarrist und Songschreiber Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino bestehen, darumherum aber von Bläsern, Perkussionisten, lateinamerikanischen Gastvokalist/innen unterstützt werden und im Wiener Radiokulturhaus schon einmal mit 70köpfiger Orchesterbegleitung des RSO aufgefahren sind, haben mit ihrer stilistischen Reichweite, internationalen Besetzung und Mehrsprachigkeit - die Texte kommen außer auf Englisch auch auf Spanisch und Französisch - stets das weltoffene, multikulturelle Amerika repräsentiert und sind solchermaßen sozusagen ein lebender Gegenentwurf zu den unilateralen USA der Trump- und Bush-Ära. Daher schließt „Seasonal Shift“ mit multilingualen weihnachtlichen Grußbotschaften der Musiker - auch Deutsch ist darunter, weil mehrere Akteure aus Deutschland kommen (auch Burns kann übrigens recht gut Deutsch).

Calexico SeasonalShift Front 200903 3000px KopieDass bei „Seasonal Shift“ der musikalische Rahmen besonders weit gesteckt ist und neben den bekannten panamerikanischen Einflüssen auch etwa portugiesichen Fado inkludiert, versteht sich unter diesen Prämissen von selbst. Zum anderen forcieren Calexico hier dem Anlass gemäß jene feierliche Grandezza, die schon einige ihrer besten „Alltags“songs wie „Black Heart“ charakterisiert hat: Besonders der Titelsong mit seinem ungeniert schmelzenden Belcanto und demgegenüber durchaus ironischen Text - fast wäre der Christbaum abgebrannt, und natürlich sind Mom und Dad zur Feier mit Gin-Tonics bewaffnet - klingt wie der Prototyp eines zeitgemäßen, von unrealistischer Romantisiererei befreiten Weihnachtsliedes.
Calexico kneifen aber auch nicht vor der Herausforderung durch den bestehenden Kanon: Neben einem leichtfüßigen, in der Interpretation der aus Guatemala stammenden Sängerin Gaby Moreno entzückend kindlich anmutenden Cover des venezolanischen Weihnachtsliedes „Mi Burrito Sabanero“ („Mein kleiner Esel aus der Savanne") wagen sie sich an Tom Pettys gleichermaßen weltumarmendes wie beiläufig spitzzüngiges „Christmas All Over Again“ und John Lennons Instant-Hymne „Happy Xmas (War Is Over)“ Dass sie buchstäblich mit Pauken und Trompeten und insbesondere Burns’ eindringlichen Gesang selbst diese Herkulesaufgaben mit Bravour meistern, rundet ein Album ab, das selbst die eisigsten Herzen auftauen müsste.

Calexico
Seasonal Shift
City Slang

PS: Bereits 1998 veröffentlichten Calexico ein superbes Weihnachtslied. Gewissermaßen als Appendix hier zu hören.