Hier lebt die Sünde Hier lebt die Sünde Roland Zumbuehl/Wikipedia
07 Feb
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Das Kaff der Durchfahrsliebenden

Den Schweizer Bahnknotenpunkt Olten porträtiert Birgit Schmid eindrucksvoll in einer Kolumne in der NZZ. Hier zum Nachlesen.

„Jedes Mal, wenn mein Zug durch Olten fährt und an Olten vorbei Richtung Basel oder Bern, denke ich an das heimliche Liebespaar“ eröffnet die Journalistin Birgit Schmid ihre Kolumne „Die Stadt der Fremdgänger“ in der Neuen Zürcher Zeitung. Da sie diesen Text dankenswerterweise auf Twitter teilt, ist er auch für Nicht-NZZ-Abonnenten lesbar. Und, das ist auch der Grund, warum hier darauf hingewiesen wird, absolut lesenswert. 

Schmid beschreibt eine Stadt, im Schweizer Mittelland an der Aare gelegen, an der nichts, aber auch gar nichts bemerkenswert ist. Weder die Größe (lt. Wikipedia 18.363 Einwohner) noch das Ortsbild. Im Gegenteil: „Olten hat diese unscheinbare, provinzielle Charakterlosigkeit. Den meisten genügt ein Blick aus dem Intercity. In Olten hält nur, wer in Olten lebt, wer muss oder wer einen anderen will.“
Und damit sind wir beim Punkt. Weil Olten, „die Drehscheibe der Eisenbahnschweiz“, keine halbe Zugstunde von Zürich, Bern und Basel entfernt liegt und es auch nur wenig mehr als 30 Minuten nach Luzern und Biel sind, eignet es sich perfekt als Treffpunkt für heimliche Affären. Man läuft hier keine Gefahr, Bekannten zu begegnen. Die Fremdgänger bleiben ungestört und anonym. Natürlich wissen die Angestellten in den Hotels um ihre Absichten, spielen aber mit. Stundenhotels und „Liebeszimmer“ gibt es auch genug.

Während wir hier den Versuch, ein österreichisches Olten zu finden, mangels Sinnhaftigkeit aufgeben, folgen wir der Autorin Schmid weiter auf ihrem bemerkenswerten Streifzug, sind in der Geschichte angelangt und stoßen dabei auf eine bemerkenswerte kulturelle Vergangenheit: „Olten vereint die Schweiz schon seit langem. Olten garantiert eine Demokratie der Distanzen. In seinem Bahnhofbuffet wurden viele Vereine gegründet, und das bereits im 19. Jahrhundert: der Schweizer Alpenclub, der Schweizerische Gewerkschaftsbund, die Freisinnig-Demokratische Partei. Und 1971 die Gruppe Olten, zu deren Autoren Peter Bichsel, Adolf Muschg und Max Frisch gehörten. Treulos auch sie: Sie hatten sich vom Schweizerischen Schriftstellerverein abgespalten.“
Heutige Arbeitsverhältnisse begünstigen das Pendeln. Auf der Durchfahrt wiederum bekommt das Verbotene, wie Schmid sehr zutreffend feststellt, etwas Flüchtiges. „Nichts erinnert an das andere Leben, als hätte das alles nichts mit einem zu tun. Zumindest redet man sich das ein. Heimlich Liebende wählen wohl auch deshalb die Mitte und diese bevorzugt im Niemandsland. Und so rast man sich mit 140 Kilometern pro Stunde entgegen, bis man in Olten einfährt. Sich trifft, sich herzt, sich trennt, wieder zurückfährt. Sehnsüchtig und schuldig.“