Gallup-Geschäftsführerin Andrea Fronaschütz bei der Online-Studienpräsentation Gallup-Geschäftsführerin Andrea Fronaschütz bei der Online-Studienpräsentation Screenshot
08 Okt
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Der Lack ist ab

Aktuelle Gallup-Umfrage: Zustimmung zur Corona-Politik der Regierung deutlich gesunken. Ebenso das Vertrauen in die Medien. 

Als die österreichische Bundesregierung im März mit drastischen Massnahmen die Corona-Pandemie einzudämmen versuchte, konnte sie sich breiter Zustimmung der Bevölkerung versichern. Das ergaben - unter anderem - Umfragen, die das Gallup Institut in Kooperation mit dem Medienhaus Wien regelmäßig durchgeführt hat. Die Stimmung hat sich, wie die aktuelle (vierte) Gallup-Erhebung mit 1000 zwischen 2. und 5. Oktober Befragten zeigt, deutlich geändert.

Die Angst vor Ansteckung ist gestiegen, das Vertrauen in die Regierung aber gesunken. Lag die Zustimmung zu den obrigkeitlichen Maßnahmen Ende März noch über 90 Prozent, so ist sie jetzt auf 53 Prozent gefallen. In Schulnoten ausgedrückt, ist die ÖVP in der Beurteilung ihrer Krisenmanagment-Fähigkeiten von einem Schnitt von 1,7 im März auf 2,8 gesunken, Die Grünen von 2,0 auf 3,0. Aber auch die Oppositionsparteien mussten hier Federn lassen: Die FPÖ fiel von 3,2 auf 4,1, die SPÖ von 2,6 auf 3,4 SPÖ, NEOS von 2,8 auf 3,5.
Individuelle hat insbesondere Bundeskanzler Sebastian Kurz Vertrauen eingebüßt: Nur mehr 41 Prozent gegenüber 80 im März finden, dass er sich in der Krise bewährt. Er ist damit auch hinter Gesundheitsminister Rudi Anschober zurückgefallen, dem 46 Prozent (gegenüber 62 im März) gute Krisenkompetenz attestieren. Stark zurückgefallen sind auch Werner Kogler und Karl Nehammer. Zugelegt haben dagegen Spitzenpolitiker der SPÖ - sowohl Parteichefin Pamela Rendi-Wagner wie auch - nicht uninteressant für die kommende Landtagswahl - der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker.

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Verunsicherung

War noch im Juni über die Hälfte der Österreicher/innen überzeugt oder geneigt zu glauben, die Pandemie sei unter Kontrolle, so sind es jetzt gerade noch 18 Prozent. In Wechselwirkung damit steigt auch die Verunsicherung.

Angst vor einer 2. Welle ist unterschiedlich ausgeprägt. Dass wir das Schlimmste schon hinter uns hätten, glauben aber - anders als im Sommer - nur mehr ganz wenige. Am weitesten verbreitet ist die Überzeugung, dass die Situation so bleiben wird, wie sie gerade ist.

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Mit der Regierungspolitik haben auch die Medien an Vertrauen und Zustimmung eingebüsst. Dass könnte die Deutung bestätigen, dass sie sich lange Zeit vor den Karren der Regierung hätten spannen lassen. „Wenn die Medien lediglich als Überbringer der Nachrichten wahrgenommen werden und Skepsis gegenüber der Entscheidungsträgern steigt, dann färbt diese Skepis auch auf die Überbringer der Nachrichten ab“, erklärte Gallup-Geschäftaführerin Andrea Fronaschütz bei der Online-Präsentation der Studie im Presseclub Concordia. Auch seien Menschen „Corona-müde“: „Das Thema macht ratlos, schlechte Laune; das Suchen nach Information bringt keine neue Erkenntnis, verwirrt eher.“
Alle Gattungen haben - was zu einem gewissen Grad nicht überrascht - Rückgänge bei der Nutzung hinzunehmen. Besonders stark haben sich die Jungen, die im März noch ein sehr starkes Bedürfnis nach Information erkennen ließen, abgewandt. Besonders dem Fernsehen haben sie in großer Anzahl den Rücken gekehrt, etwas weniger interessanterweise den Zeitungen. „Da haben durch Corona junge Menschen zu den Zeitungen gefunden, und zum Teil bleiben die auch da“, erläutert Fronaschütz. „Sie weiterhin zu halten, wird die große Herausforderung sein.“ Einen besonders hohen Anteil an jungen Lesern hat Der Standard, einen im Verhältnis besonders niederen - das hat Tradition - die Krone.
Im Rückgang der Mediennutzung spiegelt sich auch ein Vertrauensverlust: Man glaubt nicht nicht mehr, in den Medien wirklich relevante Information über die Krise zu bekommen. Während im März noch 31 Prozent den Informationswert der Medien positiv beurteilten, sind es jetzt nur mehr 17. Dafür steigt die Zahl derer, die meinen, die Medien verbreiteten Panik.
Andrea Fronaschütz fasst die Stimmungslage in einer schönen Analyse zusammen: „Im März hat es um Corona einen Konsens gegeben. Die Regierung hat nach außen hin Einigkeit gezeigt, bei vielen Maßnahmen sind auch die Oppositionsparten mitgegangen - es gab diese Wir-ziehen-an-einem-Strang-Atmosphäre. Jetzt haben wir unseren österreichischen Modus Vivendi wiedergefunden, das heißt, die Einigkeit ist weg. Aus dem heraus sind Ratlosigkeit, Gegensätzlichkeit und Widersprüche, die daraus entstehen, größer. Gerade in dieser Situation einen roten Faden und Orientierung zu geben, wäre eine besonders nutzenstiftende Rolle der Medien.“