„Weit ausladend Kreise formen, etwas Imaginäres herausziehen": Karoline Edtstadler, Bundesministerin für EU und Verfassung im Bundeskanzleramt „Weit ausladend Kreise formen, etwas Imaginäres herausziehen": Karoline Edtstadler, Bundesministerin für EU und Verfassung im Bundeskanzleramt Screenshot
17 Jul
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Das Handwerk der Ministerinnen

Journalistinnen haben zuletzt die türkisen Ministerinnen der österreicherischen Bundesregerierung ins Visier genommen. Sachlich zurecht, aber etwas unverhältnismäßig.

In der Morgenpost der empfiehlt Antonia Gössinger, Chefredakteurin der Kärntner Ausgabe, die Hände von Interviewgästen im Fernsehen in Augenschein zu nehmen. Insbesondere der Ministerinnen der österreichischen Bundesregierung. Wie sieht es also aus, das Handwerk der Ministerinnen?„Weit ausladend Kreise formen, etwas Imaginäres herausziehen, und das in der immer gleichen Schleife. Wir kennen das von den Coaching- und Rhetorik-Seminaren. Soll die umfassende Betrachtungsweise, die Bedeutsamkeit eines einzelnen Punktes unterstreichen. Macht schwindlig und lenkt vom Gesagten ab. Wir kennen das von Karoline Edtstadler, Christine Aschbacher, Klaudia Tanner und als letzte ÖVP-Ministerin, die in der ZiB2 keine Antworten auf die gestellten Fragen gab, gestern Abend von Frauen- und Integrationsministerin Susanne Raab“, schreibt Gössinger und sieht darin - „völlig vorurteilsfrei“ die Erklärung, warum „der Damenflor um Kanzler Sebastian Kurz in den letzten Wochen immer heftigere Kritik auf sich zieht und Sprechautomaten nicht unähnlich zu sein scheint.“

Tatsächlich sind die Damen in der österreichischen Bundesregierung in den letzten Wochen stark ins Visier der Kritik geraten. Nicht der Kritik seitens überheblich-voreingenommener Macho-Männer, sondern von Frauen. Journalistinnen ohne Binnen-i oder andere Gender-Tools. Die große Innenpolitik-Kommentatorin Anneliese Rohrer hat wiederholt verlauten lassen, alle türkisen Ministerinnen gehörten ausgetauscht. Im profil konstatiert Rosemarie Schwaiger, die Performance der Ministerinnen erweise dem Feminismus keinen guten Dienst. Dabei lässt sie sogar noch die Steilvorlage, dass die Frauenministerin (Susanne Raab) auf keinen Fall eine Feministin sein will, links liegen. Mit gutem Grund freilich, es gibt noch edlere Perlen türkis-ministeriellen weiblichen Wohlverhaltens: „Danke, Sebastian Kurz, was du für unser Land und die Menschen in dieser schwierigen Zeit leistest“, himmelte etwa Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger ihren Herrn und Gebieter am 29. März auf Facebook an.

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Schwaiger übersieht auch nicht das besondere Paradox, dass es für eine ÖVP-Ministerin schon als positiv zu verbuchen ist, wenn sie wie Margarete Schramböck nicht besonders - also auch nicht besonders negativ - auffällt (was übrigens angesichts der derzeitigen Lage für eine Wirtschaftsministerin bemerkenswert ist).
Natürlich liegen die Gründe für die augenfälligen Performanceschwächen unserer Regierungsdamen auf der Hand: Wenn sich Kanzler Kurz auf etwas wirklich versteht, sind das Marketingeffekte. Und im Marketingsinn macht sich ein zahlenstarker Anteil großteils attraktiver Frauen im Team sehr gut. Dass diese selbstverständlich nicht nach Qualifikation, sondern Loyalität einberufen worden sind, kann sich hin und wieder - so wie jetzt besonders bei Verteidigungsministerin Klaudia Tanner - peinlich bemerkbar machen, ist aber Nebensache. Der Effekt zählt.

Alles klar. Ist also das gegenwärtig stattfindende publizistische Ministerinnen-Bashing gerechtfertigt? In der Sache (Leistungen) ja, im Verhältnis nein. Wenn Rohrer sagt, alle ÖVP-Ministerinnen gehörten ausgetauscht, dann müsste - vielleicht setzt Rohrer das ja stillschweigend voraus - ergänzt werden, dass SELBSTVERSTÄNDLICH auch alle männlichen türkisen Minister ausgetauscht gehören. Einen ärgeren Polit-Dilettanten als Gernot Blümel muss man mit der Lupe suchen - Eva Linsinger formuliert das im profil-Podcast noch sehr höflich, wenn sie sagt, er mache als Finanzminister keine „bella figura“ -; Karl Nehammer mag in einem Western vielleicht besser besetzt sein denn als Minister für Inneres (oder sonst was) und was Harald Mahrer in einem seiner gefühlt 2368 Ämter zustandegebracht hat, ist jedenfalls gut vor der Öffentlichkeit geheimgehalten worden. Es ist eben - auch wenn dieser Tage viele das anders sehen - tatsächlich alles relativ.