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07 Feb
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Ein Monat „Kopfnüsse“

Aus dem Nichts heraus hat Heute-Chefredakteur Christian Nusser ein Meisterwerk österreichischer Publizistik kreiert.

Es war um die Heiligen Drei Könige, zum diesjährigen Ausklang des weihnachtlichen Ausnahmezustands. Die Zeit für die ärmeren der armen Hunde, sich innerlich wieder mit geregelter Maloche vertraut zu machen (die ärmsten armen Hunde haben gar keine Hacke und die nicht ganz so armen geruhen erst gegen den 15. Jänner oder später aus dem Ski- oder Sonnenurlaub zurückzukehren). 

Jedenfalls tauchten um besagte Drei-Königs-Zeit auf Twitter Hinweise auf, dass Heute-Chefredakteur Christian Nusser regelmäßig etwas Schriftliches abzusondern gedenke. „Kopfnüsse“ würde es heißen und eine ziemliche Sache sein, wie die Tonalität der Postings indizierte. Denn ungefähr das war ihr Tenor: Wenn die Serienproduktion hält, was der Prototyp verspricht, dann kommt da was Tolles auf uns zu.
Ich las diese Botschaften und dachte nur, „Schauma mal.“ Dann las ich den ersten Text.

Er drehte sich um die neue Regierung, die genau an jenem Tag, da dieser erste Text erschien, angelobt wurde. Er trug den Titel „Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne“ und fing an mit den Worten „Österreich ist ein wunderbareres Land.“ Damit beginnt, wie gewissenhafte Staatsbürger wissen, das türkis-grüne Regierungsprogramm. „Ich behaupte ja, der erste Satz ist der beste im gesamten Regierungsprogramm, eventuell hätte man es dabei bewenden lassen können. „Österreich ist ein wunderbares Land“, was soll da noch kommen? Da spürt man Rainhard Fendrich singen, hört Thomas Brezina lesen und sieht Hundertwasser malen, nirgendwo ist Österreich österreichischer“, „schwelgt“ Nusser.
Mehr brauchte ich nicht, um den „Kopfnüssen“ zu verfallen.

Die folgenden Tage und Wochen beschrieb Nusser das allem Augenschein nach abartig hässliche Büro von Vizekanzler Werner Kogler, wie das Burgenland die Liebe zum Roten neu entdeckt hat, wie sich der Bundeskanzler, der Vizekanzler und die Wirtschaftsministerin vor Daumen mal π 20 Kamerateams „zufällig“ in einer Bäckerei in Wien-Liesing zum Frühstück treffen, die Fahrt des Nachtzugs von Wien nach Brüssel mit Klimaministerin Eleonore Gewessler an Bord, die Deutschland-Tour des Bundesbasti mit Besuch bei „Mutti“ (Angela Merkel) und Sat.1-Frühstücksfernsehen, den First Dog des Landes, die Big Mac-Affäre um Kogler und vieles mehr. Aktuell gibt Nusser dem Corona-Virus Tipps, wie er die Kontrollen in Wien-Schwechat umgehen kann und beschäftigt sich mit dem Ski-Urlaub Philippa und HC Straches in Osttirol, den sie diesmal nicht in St. Jakob verbringen, sondern, so Strache auf Facebook, „bei lieben und ehrlichen Freunden in einem gemütlichen Hotel“. „Warum er quälende 16 Jahre bei unlieben und unehrlichen Feinden verbracht hat“, wundert nicht nur Nusser.

Diese „Kopfnüsse“ sind Staatsbürgerkunde. Es gibt keine klügeren Analysen dieses Landes und der Menschen, die seine Geschicke lenken. Wer hat je das Kulturverständnis des Bundeskanzlers treffender beschrieben? „Ich glaube nicht, dass Sebastian Kurz ein Mann der Kunst ist. Er gehört für mich eher zu jenen Menschen, die den Wert von Gemälden in Quadratmetern bemessen. Wenn man mit so jemandem ein Gespräch zum Beispiel über Anselm Kiefer beginnt, kann es passieren, dass man schnell merkt: Der wundert sich, dass Bäume jetzt Vornamen haben“. Und nirgendwo wird besser erklärt, welche magischen Bande dieses Land zusammenhalten: „Zunächst wurde Norbert Hofer irrtümlich in den burgenländischen Landtag gewählt. Er stand auf dem letzten Platz der Wählerliste, erhielt aber so viele Vorzugsstimmen, dass er auf den zweiten Rang rutschte, dafür reichen im Burgenland 902 Stimmen. Den bisherigen Parteichef Johann Tschürtz erschreckte das so, dass er zurücktrat und Alexander Petschnig Platz machte, der eigentlich Kärntner ist und unter Jörg Haider diente, aber seien wir ehrlich – Kärnten, Burgenland, was Gott durch die Südautobahn verband, soll der Mensch nicht trennen.“

Nusser liefert nun schon einen Monat lang. Jeden Wochentag um bzw. über 7.000 Zeichen - das wären in einem A4-Printmagazin also zwei bis zweieinhalb Druckseiten. Stets pünktlich und auf höchstem Niveau. Das ist kein Dreck nicht. Immerhin hat der Mann daneben noch die Redaktion der meistgelesenen Wiener Tageszeitung zu leiten und soziale Verpflichtungen wie „Die Runde der Chefredakteure“.

Christian Nusser ist studierter Politik- und Kommunikationswissenschaftler. In einer früheren Phase seiner Karriere war er bei der AZ und beim Kurier, ansonsten hat er den Großteil seines Berufslebens beim Boulevard zugebracht, wozu auch der News-Verlag unter dem Regime der Fellners zu rechnen ist. Als Chefredakteur sowohl der Zeitung Österreich wie auch von deren Portal oe24.at lebte er definitiv im tiefsten Sumpf von Sensationalismus, Marktschreierei und kreativer Fakten(v)ermittlung. Seit 2012 leitet er er die Redaktion der vergleichsweise fast ruhigen Tageszeitung Heute. Will damit sagen: Er hat sich eigentlich nie durch besondere feuilletonistische Großtaten oder sonstwas hervorgetan, was sich in Kongruenz mit seinem jetzigen Outing bringen ließe. Voriges Jahr ist er mit dem Roman „In der Not frisst der Teufel Lügen“ ein klein wenig verhaltensauffällig geworden, aber, mein Gott, ein Buch macht in dieser Branche ungefähr jede/r Eineinhalbte.
Eine Buch-Edition der „Kopfnüsse“ wird natürlich auch irgendwann einmal herauskommen; allein der Umfang des Werks gebietet eine konzentrierte Edition. Es wäre allerdings schade, wenn dabei die optischen Signifikanten der Online-Version gekappt würden: Das dämmrige Wienbild als Hintergrund, und davor natürlich das glubschäugige Simpsons-Lookalike-Porträt des Autors. Der Journalist, Autor und Zeichner Wolfgang Kofler hat es aus Rache über eine despektierliche Äußerung des Klagenfurters Nusser über seine Heimatstadt Villach angefertigt.
Wir hätten übrigens auch schon einen großartigen Vorschlag für die Location der Buchpräsentation: Das Parlament. Vollbesetzt mit Berufspersonal.


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