Das Recht auf Überforderung Screenshot Spiegel TV
07 Aug
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Das Recht auf Überforderung

Ein Posting zu einem Bericht über die Berliner „Freiheitsdemo“ auf Zeit Online erweist sich als treffender, relevanter und einflussreicher als die Geschichte selbst und wird oft in Sozialen Netzwerken geteilt.


Wer nicht zu zu dem sektiererischen Häufchen gehört, das dem Coronavirus die Existenz und ein beträchtliches Gefahrenpotential apodiktisch abspricht, wird sich ihren/seinen Teil über die Teilnehmer an der sogenannten Freiheitsdemonstration in Berlin gedacht haben: „Gegner einer Impfung, die es noch gar nicht gibt, verhutzelte Rentnerinnen, die im Rausch der Euphorie den Tag der Freiheit ausrufen, Menschen die tatsächlich glauben, die Maskenpflicht würde dadurch sofort abgeschafft. Die Journalistin Hayali wird bepöbelt, sie hätte die Versammlung auflösen lassen. Langhaarige Rocker und Metalfans tragen die Flagge eines Reichs umher, in dem sie für ihre Frisur zusammengeknüppelt worden wären und in der die Impfpflicht polizeilich durchgesetzt wurde. Thor Steinar T-Shirts und Pegida-Schilder. Und irgendwo sitzt eine junge Frau in Hippie-Klamotten mit einem Schild auf dem Rücken: „,Deutschland braucht Jesus’“, beschreibt sie - sich dabei sogar den Luxus der Nicht-Erwähnung der illustren QAnon-Jüngerschar leistend - ein kluger, leider anonymer Kopf in einem lesenswerten Kommentar auf Zeit Online. Seine/ihre  Bestandsaufnahme hat mittlerweile einige Runden durch Online-Medien und Soziale Netzwerke gedreht und beginnt mit der treffenden Feststellung: „In Berlin haben die Leute nicht gegen Corona-Regulierungen demonstriert. In Berlin haben Menschen für Ihr Recht demonstriert, von der Komplexität der Welt überfordert zu sein.“
Das liege daran, schreibt der/die Kommentator/in, dass uns das Netz 2.0 alle Augenblicke den Eindruck vermittelt, wir seien wichtig: „In der Egozentrik des Zeitgeistes und mit der Fähigkeit, jeden Hirnfurz über Social Media öffentlich machen zu können, haben wir aus den Augen verloren, dass wir selber außerhalb unseres persönlichen Umfeldes für andere Menschen keinerlei Relevanz haben.“
Der zweite Strang, den die Analyse im Mainstream der Covidioten ausmacht, ist ein entgleistes Demokratieverständnis: „Wir reden uns Bedeutung und Freiheiten ein, die wir nie hatten. Und als kleinster Teil einer Gesellschaft niemals haben werden. Denn wenn wir demokratisch leben wollen und die deutliche Mehrheit will, dass ich eine Maske trage, dann habe ich verfickt nochmal eine Maske zu tragen.
Das und nichts anderes bedeutet Demokratie. Und deshalb ist es auch vollkommen gleichgültig, ob da nun 20.000 Menschen öffentlich ihre Egozentrik zur Schau gestellt haben oder eine Million.“
Egal wie viele es seien, versetzt der/die Schreiber/in im Folgenden - sie werden nie wirklich mehrheitsfähig. „Wir leben in keiner ,Meinungsdiktatur’. Wir leben in einer Kompetenzdiktatur.“ Und mit dem Wort Kompetenz ist das maßgebliche Defizit der Covidioten bezeichnet. „In ihrer Kompetenzlosigkeit verstehen sie nicht einmal, welche Kompetenzen ihnen fehlen. Plötzlich ist jeder Epidemiologe, Virologe, Klimaforscher, Migrationsanalyst, Religionswissenschaftler und Jurist. Dabei haben die meisten nicht einmal das Grundgesetz verstanden. Und einige verstehen nicht, dass es unsere Verfassung ist. Sie plappern im psychologischen Bestätigungsfehler das nach, was Rattenfänger ihnen aus eigennützigen Gründen vorbeten. Getrieben von ihren Ängsten, ihrer Überforderung und davon, sich plötzlich ihrer Unwichtigkeit bewusst zu werden und einen Kontrollverlust zu erleben. Der nur darin begründet ist, dass sie sich vorher eine Kontrolle eingeredet haben, die sie nie hatten.“