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29 Mai
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Bild versus Drosten

Das Zentralorgan der deutschen Intelligenzija hat den prominenten Virologen im Visier. WEITERES UPDATE

Im deutschsprachigen Raum ist Christian Drosten eines der markanten Gesichter der Coronakrise. Als Star-Virologe, um einen besonders bescheuerten Terminus aufzugreifen. Die Erkenntnisse und Analysen des Berliner Wissenschaftlers haben großen Einfluss auf die Maßnahmen, mit denen die deutsche Regierung dem Virus zuleibe zu rücken versucht und haben auch in Österreich viel Beachtung gefunden und Diskussionen ausgelöst. 

Wie man weiß, befürwortet Drosten einen eher restriktiven Kurs, was Schutzmaßnahmen gegen das Virus betrifft. Das hat ihm, wenig überraschend, „Liebeserklärungen“ in Form von Morddrohungen und ähnlichen „Zuspruch“ eingebracht. Jetzt hat er sich einen besonders mächtigen Gegner eingetreten. Die Bild-Zeitung, Zentralorgan der deutschen Intelligenz, setzt der Stimmungsmache gegen ihn gewissermaßen das Sahnehäubchen auf.
Sie titelt „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“, schreibt im Untertitel „Star-Virologe Christian Drosten (48) lag mit seiner wichtigsten Corona-Studie komplett daneben“ und fragt polemisch „Fiel die deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer?“. Unterschwellig unterstellt Bild sogar, Drosten und sein Team hätten ihre Zahlen und Daten vorsätzlich zu falschen Schlussfolgerungen „zurechtgebogen“.

Die Studie, um die es geht, untersucht, ob Kinder genauso ansteckend sein können wie Erwachsene. Da in der Untersuchung keine signifikanten Unterschiede festgestellt wurden, drängte sich die Schlussfolgerung auf, dass eine schrankenlose Öffnung schulischer Einrichtungen eher noch nicht zu empfehlen sei. Dieses Ergebnis focht die Bild-Zeitung, die einen Pro-Öffnungs-Kurs fährt, an und berief sich auf vier Wissenschaftler, die Drostens Studie teilweise scharf kritisierten. Drei von ihnen haben sich mittlerweile übrigens von der Bild-Berichterstattung distanziert: Bild hatte gar nicht mit ihnen gesprochen, sondern Pulikationen von ihnen verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.

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Bild aber hatte pro forma vor Veröffentlichung des Artikels Drosten die „Gelegenheit“ eingeräumt, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Und zwar innerhalb einer Stunde. Als Drosten das Beste aus der Situation und die Anfrage auf Twitter öffentlich machte, reagierte die Zeitung gleichermaßen anmaßend wie beleidigt. Drosten hätte „um Fristverlängerung bitten“ (!!!!) können, twitterte Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. „Wie angefasst (strammdeutsch für ang´rührt, Anm.) Prof. Drosten hier reagiert, sagt viel. Auch über seine Art, mit freien Medien umzugehen.“

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Seither hagelt es in den Sozialen Netzwerken Kritik an der Bild, auch Drosten bekommt sein Fett weg, und Verschwörungsphantasten schlägt wieder einmal die große Stunde. Gönnen Sie sich hier den Austausch einiger netter Komplimente.

 

UPDATE:

Hier die Stellungnahmen der von Bild zitierten deutschen Wissenschaftler: 

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Nachdem sich Bild in Deutschland kalte Füsse geholte hatte, ging sie mit einer neuen Geschichte zur Causa über den Kanal und zitiert englische Wissenschaftler (Sir David Spiegelhalter und Kevin McConway) zur Falsifizierung von Drostens Studie. Doch Pech gehabt - beide dementierieren umgehend: 

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Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ist derzeit eher etwas schmähstad. Allerdings macht er sich hinreichend um die Unterhaltung der Twitteria verdient. Das Satireportal Der Postillon hat sich auf seinem Twitter-Account einen früheren Retweet Reichelts fotografisch etwas „bearbeitet". Zum Beispiel so: 

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Und, naja, es wird auch sonst allerlei Nettes über ihn gepostet.  

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UDPATE 2: AOK streicht Werbung bei Bild

Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), die größte Krankenkasse Deutschlands, hat angekündigt, vorderhand nicht mehr in der Bild-Zeitung zu werben. In einem Posting auf LinkedIn erklärt Steve Plesker, AOK-Geschäftsführer Markt und Produkte, sinngemäß, dass man dieser Tage genau aufpassen muss, wo man seine Produkte werblich in szene setzt. Und wörtlich: „In diesem Kontext ist der AOK-Bundesverband zu dem Schluss gekommen, dass die BILD derzeit kein geeignets Umfeld für unsere Imageskampagne ,Für ein gesünderes Deutschschland‘ darstellt. Der AOK-Bundesverband möchte diese Entscheidung explizit nicht als Aufruf zum Boykott der BILD verstanden wissen."

Als solchen hätte man ein früheres Posting Pleskers auf LinkedIn verstehen können. Da hatte er unter anderem gewettert, die Berichtstattung der Bild seine „eine Schande" und habe mit Journalismus nichts zu tun. Nach einer Nacht Drüberschlafen erkannnte er seine Wortwahl als zu ... emotional und löschte das Posting, das außerdem die Gefahr barg, seine, Pleskers, Privatmeinung könne als Unternehmens-Position missverstanden werden. Dass er über die Bereichtstattung der Bild verärgert war, soviel räumt Plesker aber immer noch ein.